Eine Pastorin geht Arm in Arm mit einem Konfirmanden über den Kirchplatz. Ein 18-jähriger Teamer flirtet während einer Jugendfreizeit einvernehmlich mit einer 14-jährigen Teilnehmerin. Ein Pastor streichelt während eines seelsorgerlichen Gesprächs den Rücken der Trost Suchenden. – Sind das Grenzüberschreitungen?
Über diese und andere Szenarien ließ Anika Neubauer die Teilnehmenden an ihrer jüngsten Schulung im Gemeindehaus in Scheeßel lebhaft diskutieren. Die Referentin ist Mitarbeiterin in der Wildwasser Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kirchenkreises Rotenburg. 15 meist ehrenamtlich Aktive aus unterschiedlichen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Rotenburg waren zusammengekommen, um sich ein Grundwissen zur Prävention sexualisierter Gewalt und zum Schutzkonzept des Kirchenkreises Rotenburg anzueignen.
„Nicht jede Grenzverletzung ist ein sexueller Übergriff, aber jeder sexuelle Übergriff beginnt mit einer Grenzverletzung“, erklärte die Diplom Pädagogin, Traumaberaterin und Kinderschutzfachkraft von Wildwasser. Die Beratungsstelle schult seit inzwischen rund vier Jahren im Kirchenkreis haupt- und ehrenamtlich Aktive. Das Ziel ist ehrgeizig. Als Konsequenz aus den zahlreichen Fällen von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche hat die Landeskirche Hannovers bereits 2021 verfügt, dass alle Kirchenkreise bis 2024 ein Schutzkonzept erstellen und alle Hauptamtlichen schulen müssen. Aber auch ehrenamtlich Aktive, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten oder in Leitungsfunktionen sind, sollen Präventionskurse besuchen.
„Wir nehmen das sehr ernst“, sagt Superintendent Michael Blömer. Seit 2023 hat der Kirchenkreis Rotenburg ein Schutzkonzept. Seither wurden etliche Schulungen durchgeführt. Und es geht immer weiter, denn Hunderte haupt- und ehrenamtlich Aktive gibt es im Kirchenkreis, die für diese Schulung infrage kommen. Und immer wieder kommen neue hinzu.
„Die Schulung zur Prävention sexualisierter Gewalt ist eine laufende und nie endende Aufgabe“, sagt Blömer. Er hält es für extrem wichtig, Mitarbeitende in der Kirche für bestimmte Arten von Grenzverletzungen zu sensibilisieren und Handlungsoptionen an die Hand zu geben. „Wir wollen hier eine Grundhaltung etablieren, die Anzeichen wahrnimmt und sie auch anspricht. Wir wollen nicht wegsehen, sondern handeln“, sagt der Theologe. Auch in Scheeßel sind die Teilnehmenden mit einem geschärften Blick aus der Schulung herausgekommen. Sie empfanden die Beschäftigung mit diesem schwierigen Thema nicht nur für ihre Arbeit in der Kirche als wichtig, sondern auch für sich persönlich.
Werner Burfeind